Kolumne: Was machen wir JETZT? : Tinte tragen
23.05.12
„Wie wär’s mit ’nem Schlampenstempel?“, schlägt eine Freundin vor und meint ein formschönes Arschgeweih. Warum nicht direkt ein Tribal? Was in den Neunzigern der letzte Schrei war und Grund genug, mit 14 zu Hause Krawall zu machen, um die benötigte Tattoo-Erlaubnis der Mutter zu bekommen, ist heute Goldgrube für Dermatologen mit Lasergerät.
Wenn ich mich dann für den Namen meines Freundes in chinesischen Schriftzeichen entschieden habe, muss ich mir nur noch die passende Stelle aussuchen, und die Message ist perfekt: Steißbein („Gib mir einen Drink aus“), Hals („Ich koste Steuergelder, denn Gefängnis ist teuer“) oder Kopf („Danke, ich möchte keinen Job“), da fällt die Wahl schwer.
Tätowierungen sind heute so alltäglich wie schwer erziehbare Jugendliche im Fernsehen. Sie sind Modeaccessoire und nicht mehr nur Schmuck spezieller Jugendgruppen. Klar, komplett zugepinselt will man nicht sein als Normalo-Mädchen. Aber so ein bisschen Rebell sein, mal was wagen. Deshalb haben die meisten ein zaghaftes Motiv, wahlweise am Handgelenk oder am Rücken. Da steht dann in Schreibschrift „Carpe Diem“, „Power“ oder „Faith“. Alles Dinge, die man nicht vergessen darf. Vielleicht sollte ich mir „Atmen“ stechen lassen.
Source: Tagesspiegel